Kameradschaft vs. NPD – Chemnitzer Naziszene spaltet sich


Nun ein Zentrum der Freien Kräfte: Die NPD wurde aus der Markersdorfer Straße rausgeworfen © Johannes Grunert

Lange Zeit galt Chemnitz als Musterbeispiel für eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen der NPD und den „Freien Kameradschaften“. Seit Mario Löffler Landesvorsitzender ist, hat sich das geändert.

Die Wahl Holger Apfels zum NPD-Bundesvorsitzenden werde der sächsischen Naziszene weiteren Aufwind geben – das befürchteten viele. Doch sein Nachfolger Mario Löffler aus Jahnsdorf im Erzgebirge ist für weite Teile der Szene der „Freien Kameradschaften“ Anlass zum Unmut.

Löffler wird als unehrlicher Hochstapler gesehen, dem es nur um Wählerstimmen geht. Er geht den „Sächsischen Weg“ Holger Apfels weiter und artikuliert sich dabei denkbar schlecht. Das Konzept der „seriösen Radikalität“ wird vom Chemnitzer Kameradschaftler Patrick Fischer auf seiner Internetseite aufgegriffen: „radikal, soweit es das System erlaubt und seriös, wie seine Befürworter es vormachen“. Damit greift er die Partei direkt an und unterstellt ihr, nicht radikal genug für eine Abschaffung der Demokratie zu sein. Aus diesem Grund verlor die NPD in Chemnitz zahlreiche Mitglieder.

Lange schien es, als würden hier die örtliche Kameradschaft „Nationale Sozialisten Chemnitz“ (NSC) und der Kreisverband der NPD auf Augenhöhe zusammen arbeiten. Nun wird klar, dass die NSC die Partei seit 2009 unterwandert hatten. Sven Willhardt wurde kurz nach seinem Parteibeitritt zum Kreisvorsitzenden gewählt. Bei der Stadtratswahl im gleichen Jahr war er von der NPD noch als „Kandidat der Freien Kräfte“ vorgestellt worden. Das Ziel des 35-Jährigen und einer Handvoll Mitstreiter in der NPD war, diese als Mittel im politischen Kampf zu instrumentalisieren. Mit dem Auseinandergang der politischen Wege von NPD und Freien Kräften, der Handlungsunfähigkeit des alteingesessenen Teils der Chemnitzer NPD und der Gewissheit, in Chemnitz nicht mehr finanziell von der Partei abhängig zu sein, gab es für die Chemnitzer Kameradschaftler keinen Grund mehr, Parteiarbeit zu leisten.

Selbst die Ende 2010 von Nazilabel-Chef Yves Rahmel erworbene Immobilie an der Markersdorfer Straße 40, welche seit November für neonazistische Vorträge, Feiern und Konzerte genutzt wird, ist nun ganz in der Hand der NSC: Sie kündigten das Bürgerbüro des NPD-Bundesvorsitzenden Holger Apfel kurzerhand und suggerieren damit, dass sie nicht einmal auf die durch das Bürgerbüro gegebene Immunität angewiesen sein wollen. Rahmel, der 2004 das Label „PC Records“ von seinem Mitstreiter Hendrik Lasch übernahm und dieses zu einem Ladengeschäft mit angeschlossenem Versandhandel ausbaute, dürfte hier als wichtigster Finanzier fungieren. Schon seit langem ist er dafür bekannt, die Neonaziszene zu sponsern, wodurch er in ihr einen exzellenten Ruf genießt.

Die einzige, die in der Chemnitzer NPD noch die Fahne hoch hält, ist Katrin Köhler. Die 50-Jährige, die 2006 in die NPD eintrat, scheint zurzeit das einzige wirklich aktive Mitglied zu sein. Als NPD-Stadtratsmitglied und Landesvorsitzende des Rings Nationaler Frauen, einer Unterorganisation der NPD, ist sie auf die Parteistrukturen angewiesen. So ließ sie sich nach dem Austritt Willhardts und einer Phase des „kommissarischen Notstands“, wie Patrick Fischer die führerlose Zeit in seinem Blog betitelte, am 4. März zur neuen Vorsitzenden des Kreisverbandes wählen. Rechtzeitig vor dem jährlich durchgeführten Chemnitzer Naziaufmarsch am 5. März. Angemeldet worden war dieser von Sven Willhardt zu NPD-Zeiten. Auf der Demonstration sprach er dann als Vertreter der „IG Chemnitzer Stadtgeschichte“, ein Zusammenschluss von Kameradschaftlern, der sich u.a. jedes Jahr für den Aufruf zur Demonstration am 5. März verantwortlich zeichnet.

Offenbar werden also Zukunft alle Entscheidungen der Neonaziszene in Chemnitz durch die Hände der NSC gehen. Mit einer vermutlich ausreichenden Finanzierung, die maßgeblich von PC-Records-Betreiber Rahmel auszugehen scheint und seiner Immobilie, geht von ihnen eine größere Gefahr als je zuvor aus.

Kopfschmerzen dürfte hierbei aber vielen Kameradschaftlern bereiten, dass Rahmels Name bereits mehrmals im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum NSU auftauchte. Unter anderem hatte er den Song „Döner Killer“ der Band Gigi und die braunen Stadtmusikanten produziert, in dem die Morde besungen werden, die später dem NSU zugewiesen werden konnten. Außerdem war er an der Organisation des neonazistischen Festivals „Fest der Völker“ beteiligt, zusammen mit den mutmaßlichen Terrorhelfern Ralf Wohlleben und André Kapke.

Quelle: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/03/14/kameradschaft-vs-npd-chemnitzer-naziszene-spaltet-sich_8231