Netzwerk gegen Rechts bewährt sich in Chemnitz

Viele Bürger sind schnell zu mobilisieren, um gegen Aktionen der NPD zu protestieren
Das Netzwerk der Chemnitzer Nazi-Gegner funktioniert. Diese Bilanz haben die Organisatoren nach zwei Demonstrationen gegen NPD-Veranstaltungen am Dienstag gezogen. Obwohl die rechtsextreme Partei erst am vergangenen Sonntagnachmittag die genauen Orte und Zeiten ihrer sachsenweiten „Aktionswoche gegen Asylmissbrauch, Überfremdung und Islamisierung“ öffentlich bekannt gegeben hatte, waren ihre Anhänger schon an den beiden ersten Stationen am Dienstagvormittag in Chemnitz zweimal auf eine etwa fünffache Übermacht an Gegendemonstranten gestoßen.
Jeweils etwa insgesamt 150 Grüne, Linke, Sozialdemokraten, Piraten, Gewerkschafter, Mitglieder des Bündnisses Chemnitz Nazifrei, des Netzwerkes für Demokratie und Courage, Kirchenvertreter, eine Abordnung des Bunten Bürgerforums aus Limbach-Oberfrohna und andere stellten sich schützend vor die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber am Adalbert-Stifter-Weg in Ebersdorf und anschließend vor das Türkische Kulturzentrum an der Zieschestraße im Zentrum. Weil ein massives Aufgebot an Einsatzkräften der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge und der sächsischen Bereitschaftspolizei beide Lager weiträumig trennte, musste die NPD ihre Kundgebungen mit jeweils etwa 30 Teilnehmern an der Einmündung Huttenstraße und am Abzweig zum Park der Opfer des Faschismus ein Stück entfernt von den eigentlichen Zielen abhalten. Mit Trillerpfeifen und Sprechchören übertönten die Gegendemonstranten zudem die NPD-Redner. Laut Polizeisprecherin Jana Kindt verliefen die Einsätze störungsfrei. Einen Bericht der Opferberatung Chemnitz, wonach Polizisten einen Angriff von NPD-Leuten auf eine Sitzblockade von Gegendemonstranten beendet hätten, bestätigte sie nicht.
„Es hat sich gezeigt, dass die an unserer Aktion Beteiligten sehr gut vernetzt sind“, konstatierte Tobias Virgin von den Chemnitzer Jungsozialisten, der die Gegendemonstration am Asylbewerberheim angemeldet hatte. Wegen der kurzen Vorbereitungszeit habe er gar nicht mit so vielen Teilnehmern gerechnet, gestand er. Auch Anja Klinger vom Deutschen Gewerkschaftsbund, der die Demonstration auf der Zieschestraße angemeldet hatte, zeigte sich sehr zufrieden mit der Teilnehmerzahl und damit, dass alles friedlich abgelaufen sei. Sie hoffte, dass das auch an den übrigen Stationen der NPD-Aktionswoche, darunter heute in Dresden, so bleibt.
Den Pro-Asyl-Demonstranten in Ebersdorf dankte Ali Moradi vom Sächsischen Flüchtlingsrat für ihr Erscheinen. An die Politik appellierte er, Asylbewerber dezentral unter Deutschen und nicht in Wohnheimen unterzubringen, um Angriffe wie 1991 in Rostock auszuschließen.
Nur vereinzelte Anwohner verfolgten aus sicherer Entfernung die NPD-Kundgebung. „Ich bin schockiert. Die brauchen wir hier nicht“, reagierte eine Ebersdorferin. Mit Asylbewerbern habe sie bisher noch keine Probleme gehabt. Die Sprechchöre der Nazi-Gegner, wie „Ihr habt den Krieg verlor‘n“ oder „Ohne Verfassungsschutz seid ihr nur zu dritt“, gefielen ihr allerdings auch nicht.
An der Zieschestraße bedankte sich der Vorstandsvorsitzende des Deutsch-Türkischen Kulturvereins, Ismail Sezgi, mit Worten und heißem Tee bei den im Dauerregen durchgefrorenen Nazi-Gegnern.
Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, die an beiden Veranstaltungsorten mit demonstriert hatte, erklärte: „Zum einen hat mich gefreut, dass die Chemnitzer gezeigt haben, dass sie den NPD-Aufmarsch nicht hinnehmen wollen. Zum anderen bin ich froh, dass alles friedlich geblieben ist. Es ist immer wieder bedauerlich, dass solche Kampagnen der NPD überhaupt möglich sind. Ich würde es daher begrüßen, wenn ein Verbotsverfahren gegen die NPD eingeleitet würde.“ (mit su)

Freie Presse am 31.10.2012