Das gedachte Gestern heute gelebt

Ein Bericht von John Berger

Es ist Samstag der 14. Juni 2014. In Chemnitz feiern viele Menschen ausgelassen den Christopher Street Day (CSD) und damit die Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung, welche jedem Menschen zusteht. Keine 30 km entfernt beginnt ein Vortrag von Thomas Schneider zum Thema „Achtung: Sexualisierung! Was wird aus unseren Kindern und Enkeln?“ in der Stadtkirche Limbach.

Thomas Schneider ist bekennender Evangelist oder auf neudeutsch einer der Hardliner unter evangelischen Fundamentalisten. Er schreibt aktiv für die evangelische „Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V.“ bei welcher er auch Vorstand und Pressesprecher ist und versucht sich des Weiteren als Referent. Es fanden sich an diesem Abend etwa 30 Interessierte ein, um Thomas Schneider zuzuhören. Unter ihnen befanden sich nicht nur mündige Christen, sondern auch kritische Beobachter, die gegebenenfalls gerechtfertigte Fragen stellen wollten. Doch ebenso wie sich manches fundamentalistisch evangelistische Fehlschlussdenken nicht ändert und stoisch seine Schneise der Idiotie durch die Köpfe sichtlich uninformierter Christen fräst, bleibt auch das elegante Weglassen kritischen Hinterfragens Tradition.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass in diesem Bericht geplant war, die Argumente von Herrn Schneider wiederzugeben und diese auf ihre Schlüssigkeit und natürlich deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Leider wurde diesem Vorhaben ein Strich durch die Rechnung gemacht, indem der gesamte Vortrag aus einem rückwärtsgewandten Sammelsurium seltsam zusammengewürfelter Behauptungen bestand, welches das Publikum vom drohenden Untergang der Gesellschaft und der Ankunft des Teufels durch sexuelle Selbstbestimmung des Menschen warnen sollte.
Die Veranstaltung begann mit einigen einführenden Worten von Pfarrer Vögler. Es folgte noch ein Gebet und ein Lied bis Thomas Schneider das Rednerpult betreten durfte. In seinem ersten Unterpunkt „Was sagt die Bibel dazu?“ rezitierte Schneider ausgewählte Bibelstellen, die scheinbar das Thema Sexualität des Menschen, wie Gott ihn schuf, beinhalteten. Er bewies damit jedoch lediglich, dass die Bibel behauptet, die Existenz zweier Geschlechter sei gut, Kinder können nur von diesen zwei Geschlechtern gezeugt werden und die Familie, bestehend aus Mann, Frau und Kindern, sei die Speerspitze der christlichen Gemeinschaft. In keinem der vorgetragenen Passagen wurde nur ansatzweise auf das Dasein homosexueller Menschen oder homosexueller Handlungen aus Liebe eingegangen. Kein Wunder, da es in der Bibel keinerlei Bezug zu diesen Inhalten gibt. Auf Liebe gründende Homosexualität wird in der Bibel weder diskutiert noch verdammt. Wer sich davon überzeugen will, kann gerne die Heilige Schrift zur Hand nehmen und fleißig Exegese betreiben oder einfach Matthew Vines Buch „God and the Gay Christian“ zu Rate ziehen, der sehr ausführlich aus Sicht eines homosexuellen Christen die Bibel studierte.

Schneider stellt im weiteren Verlauf seines Vortrags absurde Behauptungen auf, die seine Angst vorm Entarten der Menschheit, durch „falsche“ Kindererziehung, untermauern sollten. So wird darüber fantasiert, dass es in der heutigen Gesellschaft keinen „Vormund“ für Kinder gäbe, stattdessen nur noch „Betreuer“. Es wurde nicht wirklich klar, was Schneider damit eigentlich aussagen wollte. Die Vormundschaft für Kinder ist strikt gesetzlich geregelt (§§ 1773 – 1895 BGB), ein „Betreuer“ dagegen ist höchstens gesetzlicher Vertreter betreuungsbedürftiger Volljähriger. Ein weiterer Punkt, der Schneider auf der Zunge brannte, war das westliche Wertekonzept, welches der Bibel „konträr“ gegenüber stehe. In diesem würde nur ein „Wertevakuum“ gefüllt und sich von der Bibel abkehren. Es ist an dieser Stelle nur zu hoffen, dass Schneider nicht generell das anerkannte Wertemodell, welches unsere freiheitlich demokratische Grundordnung stützt, anprangern möchte.
Doch es war nicht nur der Gedanke an die westlichen Werte wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Individualismus, Toleranz und Demokratie, die Schneider missbilligte, sondern auch die Evolutionstheorie, welche nur Öl in das Feuer des sexuellen Verkommens der Menschheit gieße.
Laut Schneider kann der Mensch nicht aus dem beobachteten Verhalten von Affen auf das Verhalten des Menschen schließen, da der Mensch nicht wie die Affen aus der Natur stammt. Dieser Punkt sei dahingestellt, da jedem Menschen zusteht an seine lieblings Schöpfungsgeschichte zu glauben, nur der Übergang zur Kindererziehung schien dann doch etwas gewagt. Kinder würden in dem Glauben erzogen, sie seien lediglich „sexuelle Wesen, die ihre Triebe abbauen“, da dies so in der Natur beobachtet würde. Gemeint ist sicherlich Sigmund Freuds Triebtheorie, welche in Grundschulen doch eher selten ihren Weg in den Lehrplan findet und auch in höheren Klassenstufen keinen Lehrinhalt darstellt. Im alltäglichen Leben stößt man ebenfalls eher selten darauf, als Opfer seiner Triebe dargestellt zu werden.
Woher der Glaube an die Evolutionstheorie stammt, ist für Schneider jedoch klar ersichtlich.
Die Meinung, die in aller Öffentlichkeit vertreten würde, sei ein Ergebnis der „Norm der Großen Zahlen“ wie er sie nennt. Er vertritt damit die Ansicht, dass ein Großteil der Menschen nur die Meinung befürwortet, die die Mehrheit als gut ansieht. Es mag tautologisch klingen, ergibt aber durchaus Sinn. Der Idee steht nur leider seine spätere Auffassung entgegen, dass eine „Homo- Minderheit“ durch „gute Lobbyarbeit“ der Politik vorschreiben würde, wie diese zu agieren habe und was auf dem Tagesplan steht. Zusammengefasst müsste demnach die Mehrheit aus einer Minderheit bestehen, wenn diese doch die Meinung der Mehrheit erzeugt. Seltsam.

Natürlich darf bei einem gut durchdachten und auf Stichhaltigkeit geprüften Vortrag kein Bezug zur aktuellen Situation fehlen. So wird prompt die EU an den Pranger gestellt, welche mit ihren Programmen zum „Gender- Mainstreaming“ scheinbar ebenfalls nur schlechtes im Sinn hätte. Kinder sollen für Offenheit gegenüber sexueller Vielfallt und ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Geschlecht ermutigt werden. Zur Beseitigung festgefahrener Stereotypen, überholter Geschlechterrollen und verkorkster Selbstbilder, von Menschen die sich aus Überzeugung nicht getrauen zu ihren eigenen Neigungen zu stehen, scheint dies doch ein gutes Vorhaben zu sein. Natürlich nicht für Schneider, bei dem sich die Freiheit, zwischen Zwang und Gehorsam zu entscheiden, genügen muss.
Es ist gut, wenn es noch Menschen gibt, die sich offen gegen die Indoktrination von Kindern und teils auch Erwachsenen aussprechen. Wie zu Beginn schon erwähnt, durften diese jedoch leider keinen Fragen stellen und hatten lediglich die Wahl den Raum zu verlassen.

Ein weiterer Dorn im Auge des überzeugten Evangelisten ist die „LSBTTI- Bewegung“ (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender und intersexuell). Nach Schneider muss diese Bewegung verurteilt werden, weil sie ein bestimmtes Menschenbild verankern wolle. Kurz zur Nebeninformation, die „LSBTTI-Bewegung“, wie Schneider sie nennt, setzt sich für die Selbstbestimmung der eigenen Sexualität und einer Erweiterung des herkömmlichen Geschlechterbildes, aus Mann und Frau, durch weitere geschlechtsbestimmende Formen ein. Eindeutig Indizien eines bestimmten Menschenbildes. Seine Hauptbedenken galten hierbei der Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder erziehen sollen und nicht die Gesellschaft. Nach dieser Idee sollte sich die Kirche selbstverständlich auch aus der Kindererziehung halten, was Schneider ausversehen vergessen hatte mit zu erwähnen. Er merkte stattdessen an, dass ein Geschlechterbild, wie es die Bewegung darstellt, „wissenschaftlich umstritten“ wäre. Wie bei einem Großteil seiner Behauptungen ging er auch hier nicht ins Detail. In diesem Falle ging er weder auf die streitenden Wissenschaftler, die wissenschaftliche Frage die erforscht wird, generelle Zusammenhänge zwischen der Sicht der Kirche und einer wissenschaftlich rationalen Sicht noch auf das Vorhandensein bekannter und schlüssiger Ergebnisse, wenn auch nur Zwischenergebnisse, des Streits ein. Schneider bevorzugte dann doch die wissenschaftlich fundierten Massenmedien zu Rate zu ziehen, die vergleichsweise größere Aussagekraft besitzen. Der Sieg des Österreichers Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest und die TV Sendung „Transgender – Mein Weg in den richtigen Körper“ nutzte er als Beispiele, wie das gesellschaftliche Denken von den „Homo- Lobbyisten“ dominiert würde. Es wirkt leicht absurd, wenn eine Lobby hinter dem Sieg eines Contestteilnehmers stecken sollte, welcher doch zum Großteil durch europaweite Zuschauerabstimmung ermittelt wurde und über Einschaltquoten bei Fernsehsendern entscheidet. Doch es wird erneut hastig zum nächsten Punkt gesprungen, bevor die Hörerschaft stutzig wird.

Die nächste Hürde in Schneiders Feldzug für die vermeintlich guten Werte ist die Angst als homophob geoutet zu werden, nur wenn man Homosexualität als krank und unnatürlich darstellen würde.
Schneider zitiert hierzu seinen Kollegen Michael Kotsch vom Weltanschauungsfragen e.V. der wehmütig der alten Zeit hinterher trauert, in welcher es noch als legitim angesehen wurde nicht-heterosexuelle Menschen auszugrenzen und bloßzustellen („Tabu: Homosexualität“). Herr Kotsch bedient sich in seinen Ausführungen nicht nur stark veralteten Denkmustern zum Thema Sexualität, sondern verwendet ebenfalls einen Sprachgebrauch der in leichten Zügen an die Sprache der späten 30er Jahre erinnert und ist somit weder auf linguistischer noch auf wissenschaftlicher Ebene auch nur ansatzweise vertretbar.

So langsam nahte das Ende des Spektakels und Schneider begann im eigenen Nest die Beschmutzer zu suchen. Ziel des Angriffs waren diesmal die Mitglieder der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland), die sich dafür einsetzen, dass Menschen der unterschiedlichsten Geschlechter und sexuellen Neigungen Zugang zur Kirche und Gott finden können. Zum untermalen seiner Befürchtungen verwies er auf ein Video der EKD, welches das Projekt „Eine Tür ist genug“ vorstellt. Im Video sind zwei übliche Toiletten zu sehen, die von unterschiedlichsten Menschen genutzt wurden. Zu sehen sind unter anderen Transgender- Menschen, homosexuelle Menschen, Familienväter oder Bauarbeiterinnen. Das Ergebnis soll sein, dass in der Kirche nur eine Tür für alle genügt und nicht zwei wie bei den Toiletten. In Schneiders Augen öffnet dies Tür und Angel für den Teufel. Erneut mangelt es an den Begründungen. Es bleibt lediglich der Bezug zur Bibel, die sich noch immer über die sexuelle Orientierung eines Menschen aus seinen eigenen Neigungen heraus ziemlich bedeckt hält.

Wer meint nun seien genug irrsinnige Behauptungen postuliert worden, der irrt. Die wohl fragwürdigste und aus seiner Warte wahrscheinlich beste Behauptung hob sich Schneider für den Schluss auf. Er wollte den verbliebenen Hörern im Saal, die den Vortrag in seiner ganzen Länge ertragen wollten, davon überzeugen, dass diese „falsche“ Erziehung der Jugend zu mehr Homosexualität führe, dies brächte auch Polygamie hervor und wenn die erst einmal Einzug hielt, wäre Pädophilie auch kein Übel mehr.
Es ist absolut nicht nachzuvollziehen, wie Homosexualität und Polygamie in einem Zusammenhang stehen sollten doch mit dem Hinzufügen von Pädophilie versetzte Schneider sich letztendlich selbst den Gnadenstoß und disqualifizierte sich endgültig als Redner für eine öffentliche Plattform.
Desinteresse am Fortlauf der Gesellschaft und deren Wandel ist jedem Menschen frei überlassen, dann sollte man sich jedoch bitte nicht in ein veraltetes, unterdrückerisches, antiemanzipatorisches und von Angst geprägtes Weltbild fliehen und sich seine Standpunkte solange zurechtlügen bis diese einem angenehm die Konfrontation mit der Realität abnehmen.
Sowohl der Mangel an Quellenangaben bezüglich seiner reaktionären und absurden Behauptungen wie die völlige Abwesenheit eines Funkens Verständnis für den Zeitgeist und seine menschenverachtende Haltung entkräften alles, was Thomas Schneider an diesem Abend von sich gab. Es ist nur zu hoffen, dass diese Veranstaltung ein Versehen der Stadtkirche Limbach war und die Referenten zukünftig gewissenhafter ausgewählt werden.