Archiv der Kategorie 'Lokal'

Rote Haare und ein braunes Problem

Bunte Jugendliche bereichern eine Stadt: Diese Erkenntnis will die »Werkstatt für junge Demokratie« in Limbach-Oberfrohna befördern


Elisa Grobe und Robert Weis im Haus der »Kulturellen und sozialen Bildungsvereinigung« in Limbach-Oberfrohna, dem schon von außen anzusehen ist, dass es von alternativen Jugendlichen betrieben wird.
Foto: Hendrik Lasch

Auf dem Stadtplan von Limbach-Oberfrohna sind rote und braune Fäden gezogen. Rot sind Gegenden markiert, in denen er und seine Freunde sich ungestört aufhalten können, sagt Robert Weis, ein kräftiger junger Mann mit Piercing im Gesicht, der im linksalternativen Verein »Soziale und kulturelle Bildungsvereinigung« aktiv ist. Mit braunem Faden sind Viertel eingefasst, die sie meiden. »Dort wohnen oder treffen sich Nazis«, sagt der 20-Jährige. Hier und da überlappen sich die Reviere, so wie im »Area 23«, dem städtischen Jugendhaus. Das sei »eine super Location«, sagt Weis. Das Problem: Sie ist auch bei Rechten beliebt. Kürzlich war Weis dort beim Abiball – und fand sich inmitten aggressiver Jugendlicher mit eindeutigen Tätowierungen: »Da geht man dann lieber.«

Manche Besucher der »Werkstatt für junge Demokratie«, denen Weis unlängst den markierten Stadtplan und die Geschichten dazu vorstellte, schluckten. Sie alle leben in Limbach-Oberfrohna. Viele von ihnen wissen, dass es in der 25 000 Einwohner zählenden Stadt bei Chemnitz eine aktive rechtsextreme Szene gibt. Erwachsene, die sich offen gegen Rechts engagieren, werden freilich »nur« angepöbelt , sagt Birgit Drescher vom Verein »Buntes Bürgerforum«. Junge Menschen, die sich der braunen Szene entgegen- stellen oder schlicht als alternativ und links gelten, werden dagegen auf der Straße verfolgt und sogar in ihren Wohnungen bedroht. Im November 2010 kulminierten die Attacken: Vereinsräume der »Bildungsvereinigung«, die sich in einem alten Mietshaus in der Dorotheenstraße 40 befanden, wurden von einer Gruppe Rechter angezündet. »Unser Freiraum«, sagt Weis, »ist sehr eingeschränkt.«

Eine Ahnung davon, wie es sich unter solchen Umständen lebt, erhält man bei einem Besuch in der Sachsenstraße. Es ist das Domizil der jungen Leute, seit die »Doro 40« ausgebrannt ist. Das zweistöckige Haus mit dem abblätternden Putz steht in einer Seitenstraße im Stadtzentrum. Die Fenster des Klubraums im Parterre, an dessen Wänden Konzertplakate kleben, sind vergittert – aus guten Gründen. Nachts stünden regelmäßig betrunkene Rechte vor dem Haus, sagt John Berger, ein junger Mann mit rot gefärbten Haaren. Kürzlich flog eine Bierflasche in ein Fenster im ersten Stock, in dem sich Wohnungen befinden. John, Robert und ihre Freunde berichten nüchtern von den Angriffen. Vielleicht, weil sie Ängste lieber nicht zu deutlich artikulieren wollen. Vielleicht aber auch, weil sie schon lange in Limbacher Verhältnissen leben – Verhältnisse, in denen es überlebenswichtig ist, sich zu überlegen, wohin man geht und wohin nicht.

Zunehmend will man sich in Limbach-Oberfrohna aber nicht mehr mit diesen Verhältnissen arrangieren. Zunächst gründeten Eltern der betroffenen Jugendlichen den Verein »Buntes Bürgerforum«. »Wir wollten sie nicht allein lassen«, sagt Birgit Drescher. Ein ähnliches Anliegen hat die »Werkstatt für junge Demokratie«. Ziel sei es, die demokratische Kultur in Limbach-Oberfrohna zu stärken und dabei Jugendliche aus der Stadt einzubeziehen, sagt Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen. Der Verein berät Kommunen und Institutionen in ganz Sachsen im Umgang mit Rechtsextremen – in der Regel über lange Zeit. Auch die »Werkstatt« ist auf drei Jahre angelegt. Seit April wurde in Interviews mit Jugendlichen und Jugendarbeitern, Eltern und Rathausmitarbeitern die Lage analysiert; es entstand eine »Sozialraumskizze«.

Das Fazit fällt bislang gemischt aus. Einerseits belegen Zahlen, dass die Kleinstadt noch immer zu den rechten Hochburgen in Sachsen zählt: 2006 wurden in Limbach-Oberfrohna zehn rechte Straftaten verzeichnet; bis 2010 war die Zahl auf 48 gestiegen. Erst nach dem Brand in der »Doro«, für den einer der Täter im September 2011 zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, gingen die Zahlen zurück; in diesem Jahr, sagt Robert, sei es vergleichsweise ruhig geblieben.


Foto: Hendrik Lasch

Andererseits muss sich die Stadt, anders als früher, nicht mehr vorwerfen lassen, das Problem zu ignorieren. Erste Versuche waren mehr als ungeschickt gewesen. Für Schlagzeilen sorgte etwa ein von der örtlichen CDU ins Leben gerufener »Runder Tisch gegen Extremismus und Gewalt«, zu dessen erstem Treffen auch ein NPD-Vertreter erschien. Im ungeschickten Bemühen, ihn loszuwerden, setzte man auch die LINKE vor die Tür. Die unseligen Folgen der Extremismustheorie, die Ursachen für Probleme nur an den vermeintlichen Rändern der Gesellschaft sucht, zeigte sich auch im Umgang mit den linken Jugendlichen. Manchen in der Stadt gelten sie als mitschuldig, sagt Birgit Drescher: »Sie sagen, wir hätten das braune Problem, weil junge Leute mit roten Haaren herumlaufen.«

Seit dem Brandanschlag freilich wuchs auch im Rathaus die Erkenntnis, dass die Gewalt nur von einer Seite ausgeht. Im November 2011 wurde ein »Netzwerk des guten Willens« ins Leben gerufen, das Polizei und Verwaltung, Schulen, Wirtschaft und Kirche vereint und von einem Leipziger Experten moderiert wird. Anlass für die Gründung seien, heißt es im Internet, »der Rechtsradikalismus in unserer Stadt« gewesen – »und die öffentliche Berichterstattung darüber«. Mit Dietrich Oberschelp gibt es inzwischen einen Präventionskoordinator. Er verspricht »konsequentes Durchgreifen« gegen Rechte, etwa mittels nächtlicher Kontrollen: »Der Druck darf nicht nachlassen.« Das Lokal »Stadt Mannheim«, in dem die NPD viele bundesweit besuchte Treffen veranstaltete, wird demnächst abgerissen.

Das Problem jedoch ist: Die am stärksten Betroffenen, also alternative Jugendliche, werden noch immer zu wenig einbezogen, und auch auf öffentlichen Rückhalt warten sie bislang vergebens. Als die »Bildungsvereinigung« Anfang November 2012 mit dem sächsischen Förderpreis für Demokratie geehrt wurde, war das weder eine Notiz im »Stadtspiegel« noch einen Glückwunsch aus dem Rathaus wert. »Ein solches Signal«, sagt Robert, »hätte uns gefallen.«

Auch an anderer Stelle legen Ämter eher Steine in den Weg, als Unterstützung zu geben, sagt die 21 Jahre alte Elisa Grobe. Ein großes Problem für die »Bildungsvereinigung« ist etwa die künftige Nutzung ihrer Vereinsräume in der Sachsenstraße und der »Doro 40«. Diese können zwar dank der Versicherungsgelder und mit viel eigener Arbeit wieder hergerichtet werden. Doch weil die Häuser früher nur für Wohnzwecke genutzt wurden, müssen Ämter zustimmen, damit dort ein Infoladen oder Proberäume für Bands entstehen können. Auch Umbauten sind notwendig. Das Rathaus, sagt Elisa, habe bisher aber nur gesagt, was nicht gehe; wirkliche Hilfe habe man dagegen nicht erhalten: »Etwas Gutes hat uns die Stadt bisher nicht getan.«

Die »Werkstatt für junge Demokratie« möchte nun erreichen, dass die bunte Jugendkultur in der Stadt endlich auch als Bereicherung wahrgenommen wird – wozu Gesprächsfäden enger geknüpft werden sollen. Präventionskoordinator Oberschelp sichert Elisa und ihren Freunden jedenfalls schon einmal ein offenes Ohr zu. Vielleicht ist das ein Anfang. Bisher, sagt Michael Nattke, werde in Rathaus und Netzwerk, bei Eltern und Jugendlichen das Engagement der jeweils anderen noch mit viel Skepsis betrachtet, weil es nicht immer eigenen Vorstellungen entspricht. Ihn selbst, sagt der Mann vom Kulturbüro, stimme die Vielfalt dagegen zuversichtlich: Es gebe in der Stadt »gute Voraussetzungen für Zivilgesellschaft« – quasi für ein buntes Netz statt brauner Fäden.

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/806012.rote-haare-und-ein-braunes-problem.html

Rote Haare und ein braunes Problem

Auf dem Stadtplan von Limbach-Oberfrohna sind rote und braune Fäden gespannt. Rot sind die Gegenden markiert, in denen er und seine Freunde sich ungestört aufhalten können, sagt Robert Weis, ein kräftiger junger Mann mit Piercings im Gesicht, der im linksalternativen Verein „Soziale und kulturelle Bildungsvereinigung“ aktiv ist. Braun sind Stadtviertel eingefasst, die sie meiden. „Dort wohnen oder treffen sich Nazis“, sagt der 20-Jährige. Hier und da überlappen sich braune und rote Reviere, so wie im Jugendhaus „Area 23″.

Manche Besucher der „Werkstatt für junge Demokratie“, denen Weis kürzlich den markierten Stadtplan und die Geschichten dazu vorstellte, schlucken. Sie alle leben in Limbach-Oberfrohna. Viele von ihnen wissen, dass es in der 25.000 Einwohner zählenden Stadt bei Chemnitz eine aktive rechtsextreme Szene gibt. Erwachsene, die sich offen gegen Rechts engagieren, werden freilich „nur“ angepöbelt, sagt Birgit Drescher vom Verein „Buntes Bürgerforum“.

Junge Menschen, die sich der Szene entgegen stellen oder schlicht als alternativ und links gelten, werden dagegen auf der Straße verfolgt und in ihren Wohnungen bedroht. Im November 2010 wurden sogar Vereinsräume der „Bildungsvereinigung“ von einer Gruppe Rechter angezündet. „Unser Freiraum ist sehr eingeschränkt“, sagt Weis.

Präventionskoordinator will konsequent durchgreifen

Die „Werkstatt für junge Demokratie“ will helfen, das zu ändern. Ziel sei es, die demokratische Kultur in Limbach-Oberfrohna zu stärken und dabei Jugendliche aus der Stadt einzubeziehen, sagt Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen. Der Verein berät Kommunen und Institutionen im Umgang mit Rechtsextremen – in der Regel über lange Zeit. Auch die Werkstatt ist auf drei Jahre angelegt. Zunächst wurde seit April in Interviews mit Jugendlichen und Jugendarbeitern, Eltern und Rathausmitarbeitern die Situation analysiert und eine „Sozialraumskizze“ erstellt.

Das Fazit fällt bislang gemischt aus. Einerseits belegen Zahlen, dass die Kleinstadt trotz einer gewissen Beruhigung noch immer zu den Schwerpunkten rechter Straftaten in Sachsen zählt. Andererseits muss sich die Stadt, anders als früher, nicht mehr vorwerfen lassen, das Problem zu ignorieren. Seit 2011 besteht ein „Netzwerk des guten Willens“, das Polizei und Verwaltung, Schulen, Wirtschaft und Kirche im Kampf gegen Rechts vereint. Mit Dietrich Oberschelp gibt es zudem einen Präventionskoordinator. Dieser kündigte ein „konsequentes Durchgreifen“ gegen Rechte an, etwa in Form nächtlicher Kontrollen.

Das Problem freilich ist: Die am stärksten Betroffenen – alternative Jugendliche, wie sie in der „Bildungsvereinigung“ aktiv sind – werden noch immer zu wenig einbezogen. Vielfach gelten sie sogar als mitverantwortlich für das Problem. „Manche Bürger sagen, wir hätten das braune Problem nur, weil junge Leute mit roten Haaren herumlaufen“, sagt Drescher. Selbst der CDU-Rathauschef riet 2010 unmittelbar nach dem Brandanschlag noch lapidar, linke und rechte Jugendliche sollten miteinander reden, statt Gewalt anzuwenden – ohne einzuräumen, dass diese nur von einer Seite ausgeht.

Ämter blockieren Ausbau von Vereinsräumen

Inzwischen wird das eigentliche Problem zwar klarer benannt, im Aufruf für das „Netzwerk des guten Willens“ wird als ein Motiv für die Gründung der „Rechtsradikalismus in unserer Stadt“ angeführt. Zu mehr Rückhalt für alternative Jugendliche hat das aber nicht geführt. Als die „Bildungsvereinigung“ Anfang November mit dem sächsischen Förderpreis für Demokratie geehrt wurde, war das weder eine Notiz im „Stadtspiegel“ noch einen Glückwunsch aus dem Rathaus wert. Beim Ausbau von Vereinsräumen, in denen die Jugendlichen einen Infoladen einrichten und Konzerte veranstalten möchten, legen ihnen die Ämter eher Steine in den Weg, als Unterstützung zu geben. „Etwas Gutes hat uns die Stadt bisher nicht getan“, sagt die 21-jährige Elisa Grobe.

Die „Werkstatt für junge Demokratie“ möchte nun erreichen, dass die bunte Jugendkultur in der Stadt als Bereicherung wahrgenommen wird – wozu auch Gesprächsfäden enger geknüpft werden sollen. Bisher, sagt Michael Nattke vom Kulturbüro, werde in Rathaus und Netzwerk, bei Eltern und Jugendlichen das Engagement der jeweils anderen noch mit Skepsis betrachtet, weil es nicht immer eigenen Vorstellungen entspricht. Ihn selbst, sagt Nattke, stimme die Vielfalt dagegen zuversichtlich: Es gebe in Limbach-Oberfrohna „gute Voraussetzungen für Zivilgesellschaft“ – quasi für ein buntes Netz statt brauner Fäden.

Quelle: http://regionales.t-online.de/rote-haare-und-ein-braunes-problem/id_61033866/index

Freie Presse: Live-Musik im Jugendhaus Rußdorf

L1MBACH-OBERFROHNA – ISO Jugendliche waren am Samstag zu Gast im Rußdorfer Jugendhaus, um beim Festival Stay Rebel („bleib rebellisch“) Musik zu hören. Die Aktion der Sozialen und Politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna lockte überwiegend Anhänger aus der alternativen Szene an. Es waren Captain Capa – eine Thüringer Elektroband –, die Hamburger Elektroband EI 2 3 sowie verschiedene DJs zu hören. 40 Gäste kamen dabei vom jährlich organisierten Forum antirassistischer Schüler in Sachsen, das in diesem Jahr in Burgstädt stattgefunden hatte. (alisa/bi)

Quelle: Freie Presse am 19.11.2012

Beitrag zur Veranstaltung „Sozialraumskizze in Limbach-Oberfrohna “ im RTL-Nachtjournal

Am 14.11.2012 kam im RTL-Nachtjournal ein kurzer Bericht zu einer Veranstaltung der Sozialen und Politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V.:

http://rtl-now.rtl.de/rtl-nachtjournal/rtl-nachtjournal.php?film_id=91549&player=1&season=0

ab der 15. Minute wird über Limbach-Oberfrohna berichtet.

Freie Presse: Studie bescheinigt Limbach-Oberfrohna Fortschritte im Kampf gegen Rechts

Eine Stadt wehrt sich – Allerdings ist die Gefahr noch nicht gebannt

Limbach-Oberfrohna. Es ist viel auf den Weg gebracht worden mit einem Netzwerk des guten Willens und zahlreichen Gruppen, die sich gegen Rechts einsetzen. „Die Weichen für die Etablierung einer breiten Zivilgesellschaft sind gestellt“, sagt Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen. Die Initiative hat in der Stadt gemeinsam mit der Sozialen und Politischen Bildungsvereinigung zum Schwerpunkt Rechtsextremismus geforscht.


Zwei Jahre nach einem Brandanschlag auf den Treff der Sozialen und Politischen Bildungsvereinigung in der Dorotheenstraße 40 in Limbach-Oberfrohna können junge Musiker wieder im Bandraum proben. Janice, Ramon und John (von links) trafen sich dazu am Mittwochabend. Die Vereinsmitglieder haben alles wieder selbst vorgerichtet. Ein Täter der rechten Szene ist für den Brandanschlag verurteilt worden.
Foto: Andreas Seidel

Daraus entstanden sind Sozialraumskizzen, die Treffpunkte der Rechten zeigen sowie Gebiete der Stadt, in denen vermehrt Straftaten passierten. Bei der Vorstellung der Ergebnisse im Esche-Museum am Dienstagabend, für das es ein breites Interesse gab – beispielsweise waren Stadträte aller Parteien außer der NPD anwesend – gab es einen regen Gedankenaustausch. Viele sagten dort, dass die älteren Menschen ohne Kinder das Problem zwar kennen würden, es selbst aber nicht spürten.

Die Opfer der rechten Gewalt erklärten, dass die massive Angriffswelle vor allem im vergangenen Jahr erfolgte, so John Berger von der Bildungsvereinigung. Allerdings leben die Mitglieder der Vereinigung in ständiger Angst. Fast jedes Wochenende würden Nazis am Vereinsdomizil an der Sachsenstraße vorbeiziehen und Hasstiraden grölen und gegen die Holzbretter, die zum Schutz der Fenster angebracht sind, schlagen. Die Zahl der politischen Straftaten ist laut Polizeistatistik zurückgegangen. Allerdings ist die Gefahr noch da. „Es gibt 30 bis 40 Rechte, die zum harten Kern gehören. Dazu kommen noch zahlreiche Mitläufer“, so Dietrich Oberschelp, Präventionsbeauftragter der Stadt. Dass es derzeit ruhiger ist, heiße aber nicht, dass man sich ruhig zurücklehnen könne „Die Gefahr ist immer noch stark.“ Der Rückgang der Taten habe mit der Arbeit der Polizei und Stadtverwaltung zu tun. Seit zwei Jahren seien Mitarbeiter aus dem Rathaus nachts unterwegs. „Sobald sich Rechte in größeren Gruppen treffen, werden die Personalien aufgenommen und Platzverweise ausgestellt“, sagte Oberschelp.

Gefahr bei Volksfesten

Schlägereien gab es zur Zeit der Hexenfeuer. Auch auf dem Stadtparkfest standen täglich bis zu 20 Rechte am Fahrgeschäft Break Dance – sie trugen T-Shirts mit Nazisymbolen. „Sie haben Streit gesucht, aber die Security war immer vor Ort. Dass nichts Schlimmes passiert ist, hatte vielleicht auch mit dem Wetter zu tun“, so Oberschelp.

Auch an den Schulen ist das Problem präsent. Ein Mittelschüler spricht von Geburtstagsfeiern, auf denen rassistische und antisemitische Witze erzählt werden. Selbst Lehrer des Gymnasiums wie Michael Drescher werden auf offener Straße angepöbelt. Die Nazis wüssten, dass er im Bunten Bürgerforum sei und dass sich sein Sohn ebenso gegen Rechts engagiert.

Probleme gibt es auch im Jugendhaus Rußdorf, einer Einrichtung, die von allen Jugendlichen der Stadt genutzt wird. Bei Abifeiern sowohl des Berufsschulzentrums als auch des Gymnasiums kamen Rechte und provozierten alternative Jugendliche. Der dortige Wachschutz soll die Opfer vor das Gelände geschickt haben, um dort das Problem mit den Rechten zu klären. Am Freitag soll es dazu Gespräche mit den Sicherheitskräften geben, sagte Oberschelp.

Neben stärkerer Repression gibt es zahlreiche Präventions-Maßnahmen: Themenwochen an Schulen, Zeitzeugen sprechen vor Schülern, Graffiti-Aktionen, um rechte Schmiereinen zu übermalen, Filmgespräche im Rahmen der Reihe „Kritisches Kino“, um nur einige zu nennen. Das Problem: Sie erreichen häufig die Zielgruppe nicht. Beispiel interkultureller Tag im Jugendklub „Suspect“, bei dem Ausländer einen Einblick in ihre Kultur und Essgewohnheiten gaben und ein Extremsportler über seine Weltumrundung zu Fuß gesprochen hat: Der Besucherkreis beschränkte sich größtenteils auf die Organisatoren.

Ziel: Noch bessere Vernetzung

Auch von Seiten der Unternehmer kommt Unterstützung: Einige geben Jugendlichen trotz des Wissens, dass sie einen rechten Hintergrund haben, einen Job mit dem Ziel, sie aus der rechten Szene herauszulösen, sobald sie einen festen Job und Familie haben.

Für die Zukunft geben die Mitglieder des Kulturbüros, die noch zwei weitere Jahre in Limbach-Oberfrohna forschen wollen, den Tipp, dass die Initiativen sich besser wertschätzen müssen. „Die Anerkennungskultur hat noch Potenzial“, so Michael Nattke. Eben daraus entstehe auch die gemeinsame Kraft zum Zurückdrängen. Die Stadtverwaltung strebt für die Zukunft eine noch bessere Vernetzung mit allen Initiativen an. Durch den schnellen Informationsaustausch zwischen den Gruppen habe man Mitte des Jahres einen großen Naziaufmarsch in der Stadt verhindern können, so Dietrich Oberschelp.

Aktionen im November

18. November: Schweigemarsch gegen Rechtsextremismus durch Limbach-Oberfrohna, Treff ist um 10.30 Uhr am Marktplatz, bis zum Friedhof an der Hohensteiner Straße.

22. November: Treffen des Netzwerks des Guten Willens, 18 Uhr, im Esche- Museum, Sachsenstraße 3: Verschiedene Initiativen und Träger arbeiten an Projekten und Präventions-Veranstaltungen

26. bis 29. November: Woche der Zivilcourage: An allen Schulen von Limbach-Oberfrohna setzen sich die Schüler eine Woche lang mit dem Thema Zivilcourage auseinander. Das ist die zweite Themenwoche, nachdem es im vergangenen Jahr um Toleranz ging.

Am 29. November, 18.30 Uhr, werden die verschiedenen Projekte in der Stadthalle vorgestellt. (mathe)

Quelle: http://www.freiepresse.de/LOKALES/CHEMNITZ/Studie-bescheinigt-Limbach-Oberfrohna-Fortschritte-im-Kampf-gegen-Rechts-artikel8156743.php

Werkstatt Junge Demokratie präsentiert: Sozialraumskizze Limbach-Oberfrohna – sorgenfreies Kleinstadtleben?

Die Soziale und Politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V. und das Kulturbüro Sachsen e.V. präsentieren morgen im Eschemuseum Limbach-Oberfrohna öffentlich eine neue Sozialraumskizze der Stadt.

Zwischen April und Oktober 2012 führten die beiden Projektpartner im Rahmen des Projektes „Werkstatt Junge Demokratie“ eine sozialräumliche Analyse durch. Die Studie beschäftigt sich mit den Themen Jugendarbeit und Rechtsextremismus in der Stadt Limbach-Oberfrohna. Für diese Skizze wurden aus unterschiedlichsten Quellen Informationen gesammelt: Es gab Befragungen, Daten wurden zusammengetragen und Gespräche mit Vereinen, der Stadtverwaltung und Initiativen geführt. Die so gewonnenen Erkenntnisse beruhen also auf den Meinungen, Aussagen und Erfahrungen der in Limbach-Oberfrohna lebenden Menschen.

Die Ergebnisse werden morgen vorgestellt. Zunächst werden die Veranstalter_innen die Sozialraumskizze präsentieren. Anschließend werden junge Menschen aus Limbach-Oberfrohna ihre Sichtweise auf Treffpunkte von Neonazis und deren Aktivitäten schildern. Die Gäste der Veranstaltung haben so die Möglichkeit, auch ganz direkt und vor Ort zu erfahren, welche Themen und Umstände die jungen Menschen ihrer Stadt aktuell bewegen.

Um diesen Austausch noch zu vertiefen, besteht im Anschluss die Möglichkeit, mit den Projektträgern und den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. Alle interessierten Bürger_innen sind herzlich eingeladen, sich zu informieren und mitzudiskutieren.

Präsentation Sozialraumskizze Limbach-Oberfrohna
Dienstag, 13. November 2012, 18 Uhr
Eschemuseum, Sachsenstraße 3, 09212 Limbach-Oberfrohna

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige Menschen verachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, oder im Rahmen der heutigen Veranstaltung in Erscheinung treten, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder sie von dieser auszuschließen.

Vorbestrafter muss wieder -zurück ins Gefängnis

22-Jähriger nach Schlägerei im Jugendhaus Rußdorf verurteilt

VON UTA PASLER LIMBACH-OBERFROHNA – Ein Jahr und vier Monate Haft lautet das Urteil für einen 22-Jährigen, der bei einer Abi-Fete am 11. Februar im Rußdorfer Jugendklub einem anderen Jugendlichen eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen haben soll. Der Security-Mann, der am gestrigen zweiten Verhandlungstag im Zeugenstand vor dem Hohenstein-Emstthaler Amtsgericht aussagen sollte, hatte das allerdings nicht gesehen. Er stand mit einer Kollegin
am Einlass und erinnerte sich an den Angeklagten, „wegen seines markanten Äußeren“. Der trägt ein großes Tattoo im Gesicht. Nach Aussagen des Sicherheitsmannes waren. viele junge Leute da, viele Rechtsradikale auch, da picke man sich bestimmte Typen heraus, die man im Auge behalte. DerAngeklagte war einer davon. „Der ist aber nicht negativ aufgefallen“, versicherte er. Passiert ist die Attacke aber auch vor der Tür, auf dem Parkplatz. Das Opfer erlitt eine Platzwunde, eine Narbe sieht man noch heute. Er hatte seinen Angreifer erkannt, erklärte der Geschlagene vor Gericht. Das Tattoo habe er gesehen. Der Angeklagte bestrittdie Tat bis zuletzt, rief noch zwei Zeugen auf, die versuchten, seine Version, nichts mit der Schlägerei zu tun gehabt zu haben,
zu bestätigen. Auch sein Verteidiger plädierte auf Freispruch – wegen Zweifeln. Staatsanwältin Barbara Gremm. erklärte indes: „Keiner würde behaupten,dass Sie es waren; obwohl Sie es nicht waren.“ Der Angeklagte ist einschlägig vorbestraft. Er musste sich mehrfach wegen Körperverletzung verantworten, auch wegen Verwendens erfassungsfeindlicher Kennzeichen, Besitzes verbotener Waffen, versuchten Diebstahls und mehr. „Sie umgibt der Nimbus der Gewalt“, sagte sie. Nur zwei Monate sei er auf freiem Fuß gewesen, als er wieder geschlagen habe. Richter Manfred Weber sah das ähnlich. Was er dem Angeklagten
besonders anlastete: Er steht unter Führungsaufsicht. Die ordnet ein Gericht an, wenn die Gefahr besteht, dass der Verurteilte weitere Straftaten begeht. Im Unterschied zur Bewährung wird dabei noch mehr auf Einhaltung von Regeln geachtet.

Quelle: Freie Presse am 09.11.2012

Nazis immer noch unbehelligt im Jugendhaus Rußdorf

Am 21.09.2012 fand eine Abiparty der jetzigen 12. Klassen des Albert-Schweizer Gymnasiums statt. Und wie auch bei früheren Veranstaltungen ähnlicher Art war das rechte Klientel stark vertreten und das mit eindeutiger Kleidung. Präventionskoordinator Oberschelp versicherte mehrfach, dass rechte Symbole dem Jugendhaus fernbleiben müssen und untermauerte dies mit angeblichen Absprachen mit der Jugendhausleitung, sowie der zuständigen Security. Dass diese sich auch diesmal nicht mit Ruhm bekleckerte und Thor Steinar, Triskele-Tätowierungen und andere eindeutige Nazisymbole nicht erkannte, wird nur noch von der Tatsache überboten, dass sie nicht gewillt ist, gegen rechte Provokateure einzuschreiten. So mussten sich Besucher, die von bekannten Rechten bepöbelt wurden, damit zufrieden geben, dass sie doch lieber das Gelände zusammen mit den Rechten verlassen sollten, um dort die Zwistigkeit zu klären, da dies außerhalb der Zuständigkeit falle. 20 bis 25 Rechte mit 5 alternativen außerhalb des eigenen Wirkungsbereiches zu setzen, ist in Limbach-Oberfrohna nicht das erste Mal eine glorreiche Idee. So verweigerte sich die Security des Stadtparkfestes 2010 bei Übergriffen von Rechten vor ihrer Nase einzuschreiten, da der Übergriff außerhalb des Geländes stattfand.

Trotz mehrfacher Zusage seitens Stadtverwaltung und Jugendhausleitung können Nazis noch immer unbehelligt und in der Masse öffentliche Räume dominieren, wie das mit der angeblich so gut funktionierenden Präventionsarbeit einhergeht, erschließt sich nicht. Gerade hier bietet sich eine gute Möglichkeit aktiv gegen rechts vorzugehen, doch das wird immer noch ausgeblendet.

Quelle: moritz-thielicke.de

Buntes Bürgerforum diskutiert Abschiebung

Der Iraner Ali G. wurde 2010 abgeschoben – Heute lebt er mittellos in Teheran

VON STEFFI HOFMANN

LIMBACH-OBERFROHNA – Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er unfreiwillig aus seiner Umgebung, in der er sich wie zu Hause fühlt, herausgerissen wird? Dieser Frage ist das Limbach-Oberfrohnaer Bunte Bürgerforum für Demokratie bei einem Diskussionsabend nachgegangen. Die Organisatoren veranstalteten den Abend im Rahmen der Interkulturellen Woche, in deren Namen deutschlandweit bis zum Wochenende Veranstaltungen unter dem Motto „Herzlich willkommen – wer immer du bist“ stattfanden.

Die Mitglieder des Bürgerforums widmeten sich dabei dem Fall Ali G., einem aus dem Iran stammenden Mann, der bis 2010 in Limbach lebte und von einem Tag auf den anderen in sein Heimatland abgeschoben wurde. Ali G. wurde 1958 geboren und kam als Flüchtling 1996 aus Teheran nach Deutschland. 1999 hat er eine deutsche Frau geheiratet und in Hohenstein-Ernstthal einen Imbiss betrieben. „Er hatte eine Familie und hat gearbeitet“, sagte Iris Raether-Lordieck vom Forum, die ihn ein Vierteljahr vor seiner Abschiebung kennenlernte, weil er selbst Mitglied im Bunten Bürgerforum wurde. Im Jahr 2004 lief seine Aufenthaltsgenehmigung ab. Von diesem Zeitpunkt an durfte er nicht mehr arbeiten. Als er sich ein Jahr später von seiner Frau scheiden ließ, wurde ihm auch sein Pass entzogen. „Es ging ihm psychisch und körperlich sehr schlecht“, sagte Raether-Lordieck, die sich bei Freunden von Ali G. über den Mann informierte. Im Jahr 2005 zog der Iraner nach Limbach-Oberfrohna. 2006 drohte ihm die Abschiebung. Daraufhin wollte er sich das Leben nehmen, kam ins Krankenhaus und durfte vorerst in Limbach bleiben. „Er hatte sogar Angebote für eine Arbeit, aber durfte sie nicht annehmen, weil eben die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war. Das war für ihn schwer zu ertragen“, berichtete Gerhard Schönherr, Kirchenbezirkssozialarbeiter der Diakonie.

Weil Ali G. seinen Reisepass nicht selbst besaß, sondern ihn die Ausländerbehörde einbehalten hatte, wusste er nicht, dass dieser am 9. Mai 2010 abläuft. „In der Nacht des 2. Mai wurde der Iraner in seiner Limbacher Wohnung von der Polizei aus dem Bett geklingelt, sofort fixiert, ohne Kleidung, ohne Geld oder sonstiges Hab und Gut und wurde abgeführt“, erzählte Iris Raether-Lordieck. Seitdem lebe der heute 54-Jährige im Iran, bei seiner Tochter und deren Familie, in einer 50 Quadratmeter großen Wohnung. „Er hat kein Geld, keine Arbeit und ist dazu an Krebs erkrankt“, sagte sein Freund Bahram Straß, der in Düsseldorf lebt und als Gast bei der Diskussion anwesend war. „So etwas geschieht nach deutschem Recht, also auch in meinem Namen. Dafür schäme ich mich“, sagte Iris Raether-Lordieck.

Dass Ausländer, die in Deutschland integriert sind, abgeschoben werden, sei Realität. „Doch der Fall Ali ist ein Härtefall“, so Sibylle Wunderlich, Mitglied im Sächsischen Flüchtlingsrat Chemnitz. Zwar sei es nicht ungewöhnlich, dass die Polizei mitten in der Nacht komme, doch bleibe in der Regel Zeit, um 20 Kilogramm Hab und Gut einzupacken. „So hart, wie bei Ali vorgegangen wurde – er hatte nicht einmal die Möglichkeit, eine Hose anzuziehen – so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte Wunderlich weiter. Momentan sei es eher unrealistisch, dass Ali G. wieder nach Deutschland, nach Limbach, zurückkommen könne, schätzte Angela Gommon-Voit, Sozialarbeiterin vom Caritasverband, ein.

Quelle: Freie Presse 01.10.2012

Filmvorführung „Hibakusha“ von Dorotheé Menzner